Wussten Sie, dass gut sozialisierte Hunde ihre Rangstellung immer mit dem geringsten möglichen Maß an Aggression behaupten? Unsere Hunde haben ein weit reichendes Repertoire sehr differenzierter Ausdrucksweisen, die von Artgenossen sehr wohl verstanden werden.

Die meisten Hundebesitzer sind der festen Überzeugung, der Boss im Team zu sein, doch leider beherrschen wir Menschen nicht immer die Kunst, "hundlich" zu denken und verlieren somit an Autorität.
 

In der folgenden Tabelle möchte ich die menschlichen Fehlinterpretationen und im Gegenzug dazu die hundlichen Verhaltensweisen aufzeigen:
 

Gezeigtes Verhalten

  Mensch denkt ...   Bedeutung für den Hund ...

Ihr Hund fordert Sie auf, ihn zu streicheln oder mit ihm zu spielen, indem er Sie durch Schnauzenstubser und/ oder Pföteln dazu animiert.
Wenn er genug von dieser Zuwendung hat, geht er wieder. Versuchen Sie, die Zuwendung vorher zu beenden, bedrängt er Sie massiv weiter
 

 

... mein Hund zeigt mir "seine Zuneigung" und freut sich, wenn ich ihn streichele

 

... der Chef bestimmt Zeitpunkt und Dauer der Zuwendungen

Ihr Hund liegt am Boden. Wenn Sie an dieser Stelle vorbei müssen, gehen Sie entweder um Ihren Hund herum oder steigen über ihn drüber.
 
 

... er liegt da so relaxt und vertrauensvoll, dass ich sogar über ihn hinwegsteigen kann, ohne dass er sich bewegt

 

... den Chef vertreibt niemand von seinem Liegeplatz.
Alle untergeordneten Rudelmitglieder weichen aus

Wenn Sie das Haus zum Gassi gehen verlassen, stürmt Ihr Hund  grundsätzlich vor Ihnen aus der Tür
 
  ... er freut sich so sehr auf seinen Spaziergang, dass er es kaum erwarten kann   ... der Chef geht immer voraus
Es kommt Besuch zu Ihnen und Ihr Hund rast aufgeregt, vielleicht sogar bellend, zur Tür. Sobald diese geöffnet wird, ist er kaum zu beruhigen, bellt und springt den Besuch an. Hat sich der Gast endlich im Wohnzimmer gesetzt, will Ihr Hund von ihm gestreichelt werden
 
  ... mein Hund freut sich so über Besuch, dass er jeden stürmisch begrüßen will   ... jeder der das Revier betritt, hat sich dem Chef zu fügen.
Der Chef
fordert Zuwendung und Aufmerksamkeit und bekommt sie auch, wann immer er dieses will
Beim Spaziergang ohne Leine rast Ihr Hund plötzlich los und verschwindet aus Ihrem Sichtbereich. Ihr Rufen ignoriert er völlig. Nach einer Weile (die nur wenige Sekunden, aber auch Stunden dauern kann) kommt er wieder zurück
 
 

... ich rufe hinter ihm her und will damit erreichen, dass er zurückkommt

 

... der Chef fordert das Rudel zur Jagd auf. Das Rudel folgt ihm oder hält durch Laute (Rufen) mit ihm Kontakt, um ihn nicht zu verlieren

Ihr sonst so verträglicher Hund wird an der Leine öfter zur Furie. Er attackiert knurrend und bellend andere Hunde, auch wenn er ohne Leine mit ihnen spielt. Nehmen Sie ihn kürzer, wird er noch aggressiver
 
 

Meistens versteht der Mensch dieses Verhalten seines Hundes gar nicht.

 

... der Chef muss sein Rudel verteidigen. Durch den engen Leinenkontakt hat er aber nicht die Möglichkeit, den "Feind" abzulenken und wegzulocken, also muss er ihn unbedingt lautstark vertreiben.

Ein Kommando wie "Sitz" oder "Platz" wird von Ihrem Hund grundsätzlich erst nach mehrmaliger Aufforderung befolgt. Sitzt oder liegt er endlich, steht er sofort wieder auf   ... eigentlich gehorcht mein Hund, er macht ja, was ich sage   ... der Chef entscheidet, was gemacht wird. Er darf den Befehl ignorieren oder selbständig wieder auflösen.

 

Diese Beispiele lassen sich durchaus noch weiterführen. In keiner der aufgezeigten Situationen zeigt der Hund irgendeine Form von Aggression gegenüber seinem Besitzer. Das muß er auch nicht, weil dieser sich ja auch wunschgemäß verhält. Typisch für solche Hunde ist in der Regel, dass sie nicht zuverlässig gehorchen. Wird mit dem Hund auf dem Hundeplatz gearbeitet, differenziert er die unterschiedlichen Situationen und gehorcht auf dem Hundeplatz ohne Probleme, steht aber außerhalb des Platzes nicht mehr oder deutlich schlechter im Gehorsam. Wir sprechen dann von "stiller" Dominanz und diese ist in vielen Fällen die Vorstufe zu sichtbar aggressivem Verhalten. Dann nämlich, wenn der Hund seine Chefposition bedroht sieht und zu stärkeren Mitteln greifen muss, um sie zu bewahren.